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Artikel aus der Zeitung "DIE WELT"

Ein Freund für den letzten Weg

Hospizhelfer sind selten – Die Beschäftigung mit dem Tod bereichert auch ihr Leben
Von Eva Eusterhus

Der 76-jährige Heinz-Dieter Bischoff ist einer von insgesamt 500 Ehrenamtlichen in Hamburg, die Sterbenden die Angst vor dem Tod nehmen

Beim ersten Besuch habe er erst mal geschaut, ob der Kerl überhaupt was taugt, erzählt Gerhard S. Sein Hausarzt war es, der aufgrund des sich zunehmend verschlechternden Zustandes des Patienten den Hospizdienst Bergedorf einschaltete und um eine Betreuung des schwer Herzkranken bat. “Und dann kam der da”, sagt der blinde Mann und wendet sich Heinz-Dieter Bischoff zu. “Ich wollte nicht gleich mit den ernsten Themen ins Haus fallen, und so fragte ich, ob ich für ihn irgendwas Praktisches tun könne”, erinnert sich der Sterbebegleiter. Ja, gab es: Reparaturarbeiten, die seit dem Einzug des Blinden in die neue Wohnung liegen geblieben waren.

Während der 76 Jahre alte gelernte Tischler, der ehrenamtlich als Sterbebegleiter im Einsatz ist, Löcher bohrte und Schrauben festzog, kamen die beiden Männer ins Gespräch. Über das Leben und den Tod, über Leid und Freud. “Irgendwann verschwand er und kam mit einem Karnevalsorden zurück, den er mir stumm um den Hals legte, um anschließend loszulachen”, erzählt Heinz-Dieter Bischoff amüsiert. “Ich kann nicht anders, das ist der Rheinländer in mir”, ergänzt Gerhard S. Wie der Humor es selbst in schwierigen Zeiten schaffe, sich dazwischen zu mogeln, sei schon verrückt, sagt der todkranke 65-Jährige. Er weiß, dass es mit ihm ganz schnell vorbei sein kann. Wenn es auf das Lebensende zugehe, fange man an aufzuräumen, Bilanz zu ziehen, sagt er. “Da ist es schon wichtig, jemanden an seiner Seite zu wissen, mit dem man alles bereden kann.”

Dass Gerhard S. und Heinz-Dieter Bischoff zueinander gefunden haben, verdanken sie letztendlich der Hamburger Koordinierungsstelle für Hospiz- und Palliativarbeit. Die vor gut vier Jahren gegründete zentrale Anlaufstelle vernetzt Hausärzte, Kreiskliniken, Hospizinitiativen, Pflegedienste, Sterbebegleiter und die Kirchen miteinander, um einem Patienten auch in den letzten Wochen und Tagen bestmögliche Lebensqualität zu ermöglichen. Das Sterben zu einem natürlichen Teil des Lebens zu machen ist auch das Ziel der Hamburger Hospizwoche: Die Veranstaltung der Landesarbeitsgemeinschaft Hospiz- und Palliativarbeit Hamburg e.V., unter der Schirmherrschaft von Hamburgs Erstem Bürgermeister Olaf Scholz, lädt Bürger ein, sich zu fragen, was die Endlichkeit des eigenen Lebens und des Lebens von lieb gewonnenen Menschen bedeutet.

Angst vor dem Tod habe er nicht, sagt Gerhard S., der alleine mit seinem Blindenhund Elmo wohnt und ganz auf sich gestellt ist. Eine Familie hat er nie gehabt. Und auch Freunde schauen nur selten vorbei. So sind die Besuche von Bischoff eine besondere Abwechslung, auch wenn sie über Themen sprechen, die ihm zu schaffen machen. “Wenn man stirbt, fragt man sich: 'Was ist Ballast, und was nehme ich mit?'” Man blicke zurück und stelle fest, dass man manches rückgängig machen würde. Schuldgefühle und unverarbeitete Kindheitstraumata holten einen wieder ein. “Sich das von der Seele zu reden verschafft Erleichterung”, sagt Gerhard S.

Bisher hat Heinz-Dieter Bischoff, der sich Ende der 50er-Jahre zum Diakon ausbilden ließ, drei Menschen auf ihrem letzten Lebensabschnitt begleitet. “Die größte Herausforderung besteht darin, nicht ein Programm abzuspulen, sondern denjenigen dort abzuholen, wo er steht. Die Person zu führen und zu spüren, was sie gerade braucht: Abwechslung, Aufheiterung oder einfach nur Trost”, ergänzt er. Viele Jahre habe er einen Seniorenkreis betreut. “Gespräche über das Sterben wurden sofort abgeblockt, das habe ich nie verstanden. Das Sterben gehört doch zum Leben dazu”, sagt er. Die Gespräche mit Schwerkranken bereicherten ihn. “Er und ich zum Beispiel, wir hätten uns sonst ja nie kennengelernt”, sagt der Familienvater. “Uns verbindet der Glaube”, sagt Gerhard S. Dass er Jude ist und sein Sterbebegleiter Christ, spiele dabei keine Rolle. “Wir können ja sogar zusammen beten”, sagt er.

Heinz-Dieter Bischoff teilt im Gespräch mit ihm die Erinnerungen an eine traumatische Kindheit, die den Schwerkranken jetzt immer öfter einholen: Gezeugt auf der Flucht der Mutter aus Auschwitz, 1946 geboren in Belgien, aufgewachsen in Aachen, war es der Junge, der der Mutter Halt gab. “Sie hat sich nie vom KZ erholt, sie hat sich an mir festgehalten und starb, als ich elf Jahre alt war.” Später kam er in ein Kinderheim eines Franziskaner-Klosters, wo er schwer misshandelt wurde. Nach dem Studium zog es den Sozialpädagogen nach Hamburg, doch eine Familie gründete er nie. Auch wenn es noch vieles gibt, was er mit seinem Sterbebegleiter bereden will, so stehen die beiden wichtigsten Wünsche schon fest. “Erstens: Die Mesusa, die an meiner Wohnungstür hängt, soll entweder mit in den Sarg gelegt oder auf den Deckel geschlagen werden. Und das zweite – “, sagt er und verschwindet. Er kommt mit einem Schmuckkästchen wieder, holt einen Silberring heraus, auf dem in hebräischen Lettern der 23. Psalm eingraviert ist: “Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.” Den Ring trug seine Mutter bis zum Tod. “Und wenn ich nicht mehr bin, soll er ihn bekommen”, sagt er und schaut Heinz-Dieter Bischoff an – dem es für einen Moment die Sprache verschlägt.

Veröffentlicht in der Zeitung DIE WELT

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