Hotline (24 Stunden) 040/72 10 66 72

Erfahrungsbericht I

Der Tod meines Vaters

Warum ich mich entschieden habe, Sterbende und Angehörige zu begleiten?

Der Tod meines Vaters bestärkte in mir den Wunsch, andere Menschen zu begleiten durch die schwierige Zeit des Sterbens. Ich möchte hier gern die Geschichte erzählen vom Abschied meines Vaters:

Ich hatte nie ein gutes Verhältnis zu meinem Vater. Mir ging es am besten, wenn ich so wenig wie möglich mit ihm zu tun hatte. Meine ganze Beziehung zu ihm beruhte auf innerer Abwehr und Verteidigung meinerseits. Ich zog einen imaginären Kreis um mich herum, den ich ihn niemals überschreiten ließ.

Eine Aussprache schien mir unmöglich. Die Wunden waren alt und tief und ich glaubte nicht daran, dass er mir bei einer Heilung behilflich sein könnte. Ich hielt Abstand.

Mit seinem und meinem fortschreitenden Alter machte ich mir allerdings zunehmend Sorgen um seinen Tod. Ich stellte mir vor, wie ich wütend an seinem Grab stehen würde. Einen Stein würde ich ihm hinterher werfen wollen, so wütend war ich! Und ich schämte mich dafür.

Auch fühlte ich, wie wichtig es für mich war, mich von ihm wirklich und in Frieden zu verabschieden. Denn mit meiner Wut und meinen unausgesprochenen Vorwürfen erlaubte ich ihm, mich in jedem Augenblick gefangen zu halten. So viele alte Verletzungen trug ich in mir. Es kostete mich so viel Kraft, den imaginären Schutzkreis um mich herum stets aufrecht zu erhalten. Stets auf der Hut zu sein.

Schließlich fand ich eine helfenden Menschen, der mir die nötigen Impulse gab, um mich tatsächlich von meinem Vater innerlich lösen zu können.
Mir wurde ein Abschiedsritual vorgeschlagen, ein Weg, um loszulassen und um mein Denken und Fühlen mit symbolischem Handeln im Hier und Jetzt zu verankern.

„Loslassen“ ist so ein in Mode geratenes Schlagwort. Aber ich verstand nun langsam, was alles dazu gehörte und warum es tatsächlich so wichtig ist. Ich lernte, meinen Vater loszulassen, indem ich ihm verzieh, indem ich aufhörte, von ihm eine Wiedergutmachung zu verlangen, die er niemals würde einlösen können. Ich machte mir deutlich, dass auch er nichts von mir verlangen konnte, dass ich ihm ebenfalls nichts schuldig war.

Loslassen heißt nun für mich, nichts zu erwarten: Keine Entschuldigung, keine Wiedergutmachung, kein Schuldanerkenntnis.

Loslassen heißt auch verzeihen. Und das mag vielleicht eine unserer schwersten Aufgaben sein.

Ich sollte bald erfahren, welche unglaublichen Kräfte, welcher Segen, ja welche Magie in der Macht des Verzeihens liegen.

Mein Abschiedsritual begann mit einem Brief. Ich schrieb meinem Vater einen langen Brief, der nicht dafür bestimmt war, jemals von ihm gelesen zu werden. Dieser schriftliche Abschied war allein dafür bestimmt, mir alles von der Seele zu schreiben. Die ersten Seiten waren wütend, voller Anschuldigungen, Verzweiflung. Aber ich hörte nicht auf zu schreiben, ehe ich nicht in der Lage war, darum zu bitten, die Vergangenheit möge nun ruhen dürfen. In dem Brief bat ich darum, meine Wut nun gehen lassen zu können. Ich wollte anerkennen, dass mein Vater Zeit seines Lebens sein bestes gegeben hatte, mir ein guter Vater zu sein, auch wenn ihm das so gar nicht gelungen war. Als Kriegskind selbst ohne Vater aufgewachsen, hatte er vieles nicht lernen und erfahren können. Ich wollte mich bemühen, das anzuerkennen.

Ich bedankte mich schriftlich für das Leben, das er mir geschenkt hatte, für all die Erfahrungen, die ich durch ihn gesammelt hatte und die mich schließlich der Mensch werden ließen, der ich nun mal bin. Ich betonte, dass ich fortan nichts mehr von ihm erwarten würde. Ich erklärte ebenfalls, dass auch ich meinerseits ihm in keiner Weise irgendetwas schulden würde. Auch ich war meinem Vater nichts schuldig. Das war für mich eine wichtige Erkenntnis. Aus tiefstem Herzen bat ich schließlich um die göttliche Unterstützung, meine Bemühungen wahr und echt werden zu lassen. Ich wollte frei sein. Und ich wollte hinter unserer ganzen belasteten Beziehung auch die Liebe anerkennen, die im Verborgenen schlummerte, zwischen mir und meinem Vater. Auch, wenn es schwer war.

Den fertigen Brief wickelte ich um einen sorgfältig ausgewählten Stein, übergab ihn an einem passenden Tag der Strömung eines Flusses, wo er schnell in den Fluten versank. Ich stellte mir vor, wie sich zunächst die Tinte auflösen würde, dann das Papier, dass alles fortgetragen würde zurück zum Meer, zurück zum Ursprung. Der Fluss des Lebens würde alle Verstrickungen und Wirrungen auflösen, stellte ich mir vor.

Als nächstes erhielt ich die Aufgabe, eine weiße Orchidee aufzustellen als Zeichen der reinen Liebe. Ein kleines Ritual nur. Ich führte es mit Hingabe aus, schmückte die frisch erworbene Orchidee mit einem passenden Topf, einem hübschen Band, stellte die Pflanze vor mich hin und spürte in die Liebe hinein, die so eine zarte, vollendete Blume ausstrahlen kann. Ich nahm mir Zeit.

In all den Wochen hatte ich keinen Kontakt zu meinem Vater. Unsere Telefonate waren sporadisch und wir sahen uns nur selten, auch da wir nicht nahe beieinander wohnten. Und vor allem, weil es so einfacher für mich war.

Nachdem ich alle Schritte des vorgeschlagenen Rituals ausgeführt hatte, in meinem eigenen Rhythmus, meiner eigenen Zeit, sollte ich zum Abschluss meines Abschiedsrituals noch eine kleine Party feiern.

Mein lieber Mann, der in den vergangenen Wochen meinen feierlichen Abschied mit Anteilnahme beobachtet hatte, war nun gern bereit, ihn gemeinsam mit mir mit einem kleinen Höhepunkt abzuschließen. Oft hatte er mit mir gelitten, wenn ich in den vergangenen Jahren vor jedem Zusammentreffen mit meinem Vater schon Tage vorher nervös, fahrig und launisch war. Das alles hinter uns zu lassen, war auch ihm eine kleine Feier wert!

Gut gelaunt köpften wir gemeinsam eine Flasche Sekt, legten passende Musik auf, kicherten und alberten gemeinsam bis weit nach Mitternacht. Und das mitten in der Woche. Egal! Es war nun mal der richtige Zeitpunkt für eine Party!

Es war eine ungewöhnliche Nacht. Nie werde ich den Sturm vergessen, der damals um die Häuser fegte, vielerorts hunderte von Bäumen niederstreckte und um unser Haus herum alles brausen und erzittern lies, während wir drinnen gemütlich und ausgelassen bei Sekt und Musik feierten.
Zufrieden und müde gingen wir schließlich zu Bett.

Am nächsten Morgen wurden wie sehr früh aufgeschreckt. Ein Telefonanruf zu ungewöhnlich früher Stunde riss uns aus dem Schlaf.

Mein Mann nahm den Anruf entgegen, der kurz und knapp ausfiel:
In jener Nacht war mein Vater verstorben!

Im ersten Moment fuhren meine Gefühle Achterbahn! Dann flossen die Tränen. Wie hatte das geschehen können? Wie hatte er sterben können genau in dem Moment, in dem ich mich von ihm verabschiedet hatte?

Es wird ein Geheimnis bleiben.

Natürlich hatte ich meinem Vater nicht den Tod gewünscht. Nun hatte er sich einfach so aus dem Leben verabschiedet. Es war ein guter Zeitpunkt für ihn, hoffe ich.

Ich bin meinem Vater noch heute dankbar, dass er gewartet hatte. Auf mich! Auf mein Loslassen. Auf meine Bereitschaft. Was für ein Geschenk!

Ich glaube daran, dass es für uns alle wichtig ist, uns in Frieden zu verabschieden. Und ich weiß, wie schwer das sein kann.
Nicht immer kann es gelingen, wirklich loszulassen und zu verzeihen. Und wie soll es möglich sein, dem Tod selbst zu verzeihen, wenn er uns das Liebste nimmt?!

Die Verzweiflung und die Angst! Im Leben wie im Sterben.
Irgendwo habe ich ein Licht flackern sehen.
Wir alle sind auf der Suche nach ihm.
Das ganze Fluchen und Suchen!
So wichtig ist es, dabei die Hoffnung nicht zu verlieren.
Und den Glauben an die Liebe, die in allem verborgen ist.
Gern mache ich mich mit anderen Menschen gemeinsam auf den Weg. Und teile mit ihnen die Hoffnung. Bis zum Schluss. Und darüber hinaus.
Alles Liebe!

Hamburg, 2011